FRACHTSCHIFFREISE NACH AUSTRALIEN 
Zwischen Containern um die Welt

Leseprobe aus dem Buch von Evelyn Freitag

 
 
 
 
 



Prolog
Mit Sicherheit vermag ich nicht zu sagen, ob beim Betreten der CONTSHIP LONDON die Gangway so schwankt oder ob es meine Knie sind, die weich werden ... Wird meine zweite große Reise auf einem Frachtschiff wohl genauso spannend wie die vorige? Was wird anders werden als beim jungfräulichen ersten Mal?

Nach einem Jahr und drei Monaten an Land bin ich erst einmal nur glücklich darüber, wieder auf einem Frachter sein zu dürfen. Ungewollt hüpft mein Herz vor lauter Begeisterung. Auf dem Hauptdeck angekommen, spüre ich das gewohnte Vibrieren der Schiffsmaschine unter meinen Fußsohlen und fühle mich sofort richtig wohl.

Vor einigen Jahren reiste mein Mann Erhard drei Monate durch Australien und hat dort auf dem Landweg 19.000 km zurück­gelegt. Nur die Ostküste von Queensland war damals ausgespart worden. Besonders die ursprüngliche Landschaft nördlich von Cairns steht deshalb jetzt ganz oben auf seiner Reise-Prioritäten­skala. Dieses Gebiet ist ungefähr so groß wie Deutschland und endet am Cape York.

Langsam beginnt Erhard mich darauf vorzubereiten, dass die Erkundung der Cape-York-Halbinsel nicht „ohne weiteres“ machbar sei. Wörter wie „Zelt“ und „Campingtour“ tauchen auf und er merkt rasch, dass ich nicht enthusiastisch reagiere. „Cape York soll wunderhübsch sein! Ein Fleckchen Erde, das bisher nur wenige Menschen kennen“, versucht er meine Begeisterung zu entfachen. „Nur ungefähr eine Woche lang kein gewohnter Komfort.“

Ihm zuliebe höre ich mir die Geschichten und Berichte an, die er mir bietet, und willige schließlich in die Reise ein. Ich werde diesen Entschluss nie bereuen, obwohl ich zu dem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung habe, was alles auf mich zukommen wird!
 
 

Zwischen Le Havre und New York
Die Atlantik-Dünung ist inzwischen deutlich zu merken. Jedes Schiff macht andere Bewegungen. Ich erinnere mich, dass die RICKMERS HOUSTON leicht rollte, das heißt von backbord nach steuerbord schaukelte. Dieses Schiff schaukelt eher vom Bug zum Heck, und da die Dünung gerade relativ kurze Wellen hat, wird mir ganz taumelig und ich lege mich ins Bett. Erhard klebt mir ein Pflaster gegen Seekrankheit hinter das Ohr und schnell ist meine kleine Seewelt wieder in Ordnung.

Unser Schiff rüttelt und kämpft gegen die Wellenberge an. Draußen muss man sich an den Haltegriffen festklammern, um nicht vom Wind weggezerrt zu werden. Aber es ist faszinierend, dort zu stehen, sich bei angenehmen 21 Grad Wind und Wetter auszusetzen und deren Kraft zu fühlen. Luft holen geht hier nur unter erschwerten Umständen! Die Haare werden uns fast vom Kopf gerissen, die T-Shirts sind nach kurzer Zeit klamm. Der Sturm rüttelt die Wangen durch und lässt sogar die Augenlider wackeln. Von der Nock des Schiffes sieht man geschichtete Wolkenstimmungen. Ganz oben stahlblauer Himmel, der von der gleißenden Sonne beschienen wird, über dem Meer eine Dunst­schicht aus unzähligen Wasserpartikeln, darunter das aufgewühlte Meer. Die Geräusche des Atlantiks dröhnen in unsere Ohren, sie übertönen sogar die Maschine und die Aggregate der Kühlcontai­ner. In weitem Bogen rauschen die hohen Wellen von der Bord­wand zurück ins Meer und zeichnen farbenprächtige Muster ins aufgeschäumte Wasser.

Am Abend strahlt die Sonne dann wieder unschuldig ins Fenster hinein, wie ein Hund mit eingekniffenem Schwanz. Wir hatten bis zu 8 Windstärken.
 
 

Zwischen Savannah und Panama
Auch heute eine Seefahrt wie im Bilderbuch. Bis zum frühen Nachmittag nur klitzekleine Waschbrettkräuselwellen in denen sich die Wolken spiegeln. Kuba haben wir bald passiert, ebenso die Cayman-Inseln. Nun fahren wir an den Küsten von Honduras, Nicaragua und Costa Rica südwärts vorbei. Da die See so ruhig ist, habe ich mich getraut auf den vordersten Mast hinaufzu­klettern und komme mir dort vor wie ein Entdecker. Später stehe ich im Bugkorb und beobachte die fliegenden Fische, die wie Schmetterlinge aussehen, pfeilgerade und sehr schnell knapp über das Wasser fliegen und dann kopfüber hineinstürzen. Nach einer Weile habe ich das Gefühl, in blaue Farbe getaucht zu sein, weil ich nichts anderes mehr wahrnehme als das nur wenig bewegte, blaue Wasser.

Die Luft verfärbt sich lila vor der hinter dem Horizont ver­schwindenden Sonne. Lilarot im Westen und lilablau zum Süden hin. Die wenigen hoch am Himmel ziehenden Federwolken sind im Norden weiß, im Süden blaubunt und im Westen rotblau. Die großen Kumuluswolken stoßen im Wasser an der Kimm an und zeigen ihr Spiegelbild bis kurz vor unserer Bugwelle. Ein Schau­spiel, wie man es wohl nur so allein auf dem Meer erleben kann. Ich stehe an der Reling, bis mir die Beine weh tun. Welch eine wunderschöne Welt!
 
 

Zwischen Panama und Tahiti
Wie ist so viel Schönheit nur möglich! Fast ist es unverschämt, so schön zu sein! Es kann doch nicht nur dieser lange Zeitabschnitt ausschließlich in Blau gewesen sein! Diese Insel strahlt tatsäch­lich einen besonderen Zauber aus: die bizarren Berge, der Regenwald, die bunten Blumen und blühenden Bäume, das Vogelgezwitscher, die Menschen, die mit Ausleger-Kanus zur Arbeit paddeln, die Frauen mit den Blumen im Haar, die Kinder mit den großen Kulleraugen, die in Unterhosen und Sportschuhen in der Stadt lachend herumtollen ... Alles strahlt eine derartige Ruhe, Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Fröhlichkeit aus, dass man es den Männern der BOUNTY nicht verdenken kann, dass sie meuterten, als ihr Kapitän Bligh sie von dieser schönen Insel wieder zurück nach England bringen wollte.

Aus dem Radio sprudelt fröhliche tahitische Musik und wir schalten es sofort nach dem Aufstehen ein. Nach dem Frühstück gehen wir wieder an Land. Im Hafen betrachten wir genauer die zum Teil recht abenteuerlichen Frachtschiffe. Kaum zu glauben, dass manche von ihnen überhaupt noch fahren können!

Am Kai haben einige geschäftstüchtige Leute Garküchen auf­gestellt: ein umgebauter Lieferwagen, ähnlich einem Camping­wagen, daneben ein Grill oder eine mit Gas beheizte Feuerstelle. Kessel, Töpfe und Schüsseln mit allerlei Inhalt stehen herum. Schon am frühen Vormittag ist hier lebhafter Betrieb.
 
 

Zwischen Noumea und Sydney
Heute müssen wir Koffer packen, denn bald sollen wir in Sydney ankommen. Die schöne Zeit auf diesem Schiff, das uns so ver­traut geworden ist, geht zu Ende.

Das faszinierende bei dieser Art des Reisens ist die Weite des unaufhörlichen Meeres. Das ist es auch, was Lena liebt und wes­wegen sie die Reise macht, wie sie uns sagt. Sie ist begeistert und ihr sind die kurzen Hafenaufenthalte gar nicht so wichtig, sondern nur eine zusätzliche Attraktion. Diese Einstellung ist sicherlich eine gute Voraussetzung für eine Reise mit einem Container­frachter.
 
 

Mit dem Safari-Bus auf der Cape-York-Halbinsel
Nun beginnt unsere Herausforderung in der Wildnis. Als das Abenteuer ausstrahlende Geländefahrzeug um die Ecke biegt, sagt Nancy mit einem skeptischen Gesichtsausdruck, dass sie nicht mit uns tauschen möchte. Das kann ich gut verstehen, denn ihr schö­ner Komfort-Reisebus ist in keiner Weise mit dem vor uns ste­henden Vehikel zu vergleichen. Das Zugfahrzeug ist eine Spezialanfertigung einer Fabrik, die sonst nur starke Militärautos baut. Es ist ausgerüstet mit einer stabilen und großen Stoßstange in der Front, die notfalls auch zum Wegschieben oder -ziehen von Gegenständen benutzt werden kann. Das Fahrgestell hat einen hohen Abstand zum Boden, damit auch größere Unebenheiten bewältigt werden können. Mit einem Kugelgelenk ist am Zug­fahrzeug ein Trailer befestigt. Unser Gepäck wird auf dem Wagendach unter einer staubigen Plane verstaut. Wir kriechen in das rustikale Gefährt, denn die Decke ist äußerst niedrig und wird im Gang durch die Rohre der Klimaanlage noch niedriger. Fast im Entenschritt gelangen wir auf unsere sportlich harten Sitz­plätze. Jetzt kann ich Nancy noch besser verstehen!

Unser neuer Reiseführer heißt Joe, ist Anfang dreißig und sehr drahtig. Seine Aufmachung: Aussie-Hut, Sonnenbrille, Khaki­hemd, kurze Hose und Trekkingschuhe mit „Gamaschen“, wahr­scheinlich um sich vor Schlangenbissen zu schützen. Beim Fah­ren hängt ihm ein Mikrofon um den Kopf, in das er unablässig spricht, während er nebenher – je nach Straßenlage – einmal den einen Ganghebel und einmal den anderen bedient. Es ist kein Problem für ihn, auch noch eine Plastikdose voller Bonbons zu finden und herumzureichen, einen Schluck Wasser zu trinken, einen seltenen Vogel im Vorüberfahren zu entdecken oder auf einen ganz besonderen Baum hinzuweisen. Er ist dort vorn im Cockpit ein wahres Multitalent.

Die Fahrwege haben tiefe Furchen, entweder im losen Sand, durch den wir schlingern, oder in der festeren Erde. Die Creeks sind zu 99 % ausgetrocknet und zeigen ausgewaschenen Sand­stein. Joe kurvt ohne Rücksicht auf „Mann und Material“ mit einem Tempo zwischen 60 und 90 km/h rüttelnd und schüttelnd hindurch, donnert über die Corrogation Roads, die wie Well­bleche aussehen, schleudert durch die Sandpools oder ackert uns krachend über Steine hinweg. Das Geschaukel macht uns ganz taumelig und bald schlafen alle im Bus ein; außer Joe, der unablässig durch sein Mikrofon Vögel beschreibt und Bäume erklärt.

Nachmittags um vier machen wir in der alten Goldgräberstadt Coen halt und wanken halbtot die zehn Schritte vom Bus zur Bar, lassen uns erschöpft auf die Bänke vor dem Haus fallen und trin­ken eiskaltes Bier. Sieben Stunden hartes Gerüttel liegen hinter uns, drei noch vor uns. Wir sind alle völlig erledigt, auch die grüne Ameise lässt sich nicht mehr blicken, wahrscheinlich ist sie an Gehirnerschütterung gestorben. Nur Joe scheint topfit zu sein und kauft nebenan im Laden neue Nahrungsvorräte.
 
 

Bei Freunden im australischen Busch
Schmerztabletten zeigen bei mir leichte Wirkung. Wir beschlie­ßen, heute einen Ausruhtag einzulegen. So sitze ich mit dem Zwiebelverband ums Knie im Garten und schaue in die ursprüng­liche Natur und das Gelände, auf dem drei Perlhühner picken, Wallabies hüpfen und über den hohen Bäumen der Adler kreist. Ein Waran wirft den Mülleimer um, um zu erforschen, ob sich darin etwas Essbares findet. Der Kookaburra mit dem einen blin­den Auge hüpft aufgeregt auf dem Zweig darüber hin und her, denn auch für ihn könnte schließlich etwas Erfreuliches dabei sein! Heißer Wind treibt Staubwolken über das Gras und eine grüne Baumschlange gleitet lautlos von Zweig zu Zweig. Das hier ist wie ein malerisches Elysium und ich bewundere Robina und Emilio, wie sie hier im Einklang mit der Natur leben, obwohl ich sicher nicht mit ihnen tauschen möchte.
 
 

Auf unserem zweiten Schiff, der CHAMPION, im Hafen von Melbourne
Der erste Offizier empfängt uns im Ship’s Office, denn der Kapi­tän ist an Land. Man bietet uns Stühle und Getränke an und der Steward bringt Käsesandwichs. Wir fragen, ob wir heute Nacht oder morgen früh weiterfahren werden. „No, no, tomorrow evening!“, sagt der erste Offizier. Das Verladen der Container gehe schleppend langsam und alles koste den Charterer „Lloyd Trestino“ eine Menge Geld, denn man habe Fixtermine, wird uns erklärt. Schon in Brisbane sei man in Zeitnot gekommen. Alle weiteren Termine hätten sich auch verzögert und inzwischen sei man bereits zwei Tage im Rückstand. Eine Verspätung, die nicht mehr aufzuholen sei, sagt der Offizier. „Es könnte durchaus passieren, dass wir direkt nach Singapur fahren, um wieder in den alten Fahrplan hinein zu kommen.“ Port Kelang, der Hafen in dem wir aussteigen wollen, würde dann einfach überschlagen. Während ich auf diese Neuigkeit mit „Ohgottogott“ reagiere, schaut Erhard mich nur lächelnd an. Er liebt das Abenteuer, wahrhaftig! Und er würde auch eher mit Lust als mit Verdruss nach einer neuen Lösung suchen.
 

In der Malakkastraße, kurz vor Port Kelang
Als Sungur kommt, fragt er, ob wir morgen das Schiff verlassen werden. Mit einem Schlag bin ich aus meinen Gedanken hinaus­katapultiert. Ich muss mich vielleicht doch mal mit dem Koffer­packen beschäftigen. Ach nein, noch zu früh, vielleicht bleiben wir ja auch noch zwei Nächte auf diesem Schiff.

Was gibt es Schöneres, als am 4. Dezember bei mehr als 30 Grad Luft- und 28 Grad Wassertemperatur nur mit Erhard allein im Swimmingpool eines leicht schaukelnden Frachters unter freiem Himmel zu plantschen? Oder entspannt auf dem Rücken zu schwimmen und dabei die Aufbauten des Schiffes und die Wol­ken zu betrachten? Wir kosten die letzten Tage auf der CHAMPION in vollen Zügen aus. Nach einer Weile zieht sich der Himmel zu und es dauert nicht lange, bis viele Tropfen in den Pool fallen und das Wasser wie ein Sektbad zu sprudeln beginnt.
 

Auf unserem dritten Containerfrachter, der CMA CGM BAUDELAIRE
Unsere Kabine ist nicht nur gut ausgestattet, sondern auch hell und freundlich. Sie besteht aus zwei Räumen, eigentlich sogar aus vieren, wenn man den kleinen Flur und das Bad dazurechnet. Zum ersten Mal auf einem Schiff erlebe ich duftende Bettwäsche! Die Kopfkissen haben sogar eine Federfüllung. Welch ein Luxus! Die Liegestatt ist so groß wie ein halbes Fußballfeld, wir können uns in alle Himmelsrichtungen ausbreiten, nie würden wir mit Kopf oder Füßen irgendwo anstoßen! Nachts wachen wir hin und wieder auf, weil es bei der Verladung draußen oft recht geräusch­voll zugeht. „Wahrscheinlich übt man Container-Weitwurf“, scherzen wir.

Nach dem ersten Frühstück erkunden wir unser neues Schiff. In der Wäscherei stehen drei Waschmaschinen, zwei Trockner und sogar eine elektrische Mangel zur Verfügung. Der Crew-Aufent­haltsraum mit Bar und Fernseh-Video-Gerät hat eine gemütliche Ausstrahlung. Der Officers-Aufenthaltsraum ist mit einer geschmackvollen Bar, Sitz- und Sofaecken ausgestattet. Neueste technische Geräte in Bezug auf Musik, Video und Fernsehen sind vorhanden. Es gibt eine ganze Reihe von Büchern und Atlanten. Der Gesamteindruck ist sehr ansprechend.

Über der Kombüse und den Messen befinden sich das „Gymna­sium“ und das Schwimmbad einschließlich Sauna und Dusch­einrichtung. Die Räume sind hell, denn große holzgerahmte Fenster sorgen für viel Licht. Es stehen außer der obligatorischen Tischtennisplatte mehrere Fitnessgeräte bereit und auch ein Box­sack hängt von der Decke. Hier kann man sich so richtig austoben!

Die CMA CGM BAUDELAIRE bietet alle Voraussetzungen für eine luxuriöse Frachterreise.
© Evelyn Freitag - Abenteuer Frachtschiffreisen 2017